In Memoriam

Dietrich Garstka

 

Am 18. April 2018 ist Dietrich Garstka nach langer schwerer Krankheit in Essen gestorben. Er fehlt uns sehr. In Dankbarkeit bewahren wir die Erinnerung an unsere Begegnungen mit einem großartigen Menschen. Ein kluger Kopf, mit einem nahezu universalen Wissen. Eine Persönlichkeit besonderer Art. Aufrecht, unerschrocken, politisch klar. Ein großer Denker. Und ein künstlerisches Multitalent.

 

Als Dietrich Garstka am 27. April 2007 in Storkow erstmals sein aufrüttelndes und bewegendes Buch „Das schweigende Klassenzimmer“ vorstellte, war der Rathaussaal bis auf den letzten Platz besetzt. Dabei gab es seinerzeit noch etliche Leute die meinten, man solle diese „alten Geschichten“ – die authentischen Ereignisse von Oktober bis Dezember 1956 an der Storkower Schule – doch endlich ruhen lassen. Die rege Diskussion, an der auch der einstige Schulleiter Georg Schwerz teilnahm, bewies das Gegenteil. Die Gäste waren sehr interessiert und aufgeschlossen. Sie würdigten besonders, dass Dietrich Garstka – selbst einer der betroffenen Schüler – in diesem detailgenauen Bericht über Mut, Zusammenhalt und den Kalten Krieg sachlich und ohne Groll davon erzählt, wie wenige Minuten Courage das Leben junger Menschen grundlegend veränderten, weil sich der Staatsapparat gegen sie in Gang setzte, sie zu Staatsfeinden des Sozialismus erklärte, vom Abitur ausschloss und sie auf diese perfide Weise zur Flucht in den Westen nötigte.

 

Seit am 21. Februar 2018 mehr als 1800 Berlinale-Gäste nach der Weltpremiere des packenden Dramas DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER im ausverkauften Friedrichstadt Palast das Filmteam um Regisseur Lars Kraume und den Zeitzeugen und Buchautor Dietrich Garstka mit tosendem Applaus belohnten, lief dieser Film überall in den Kinos mit großem Erfolg. Der Ullstein Verlag hat das gleichnamige Buch unlängst neu aufgelegt. Und es ist natürlich kein Wunder, dass in Storkow statt einer geplanten Sonder-Aufführung gleich drei restlos ausgebucht waren. Das Interesse an dieser wahren Geschichte über den außergewöhnlichen Mut Einzelner in einer Zeit der politischen Unterdrückung ist anhaltend groß, glücklicherweise auch bei jungen Menschen. Das freute Dietrich Garstka, der nach seiner Flucht in den Westen Deutschlands gemeinsam mit den ebenfalls geflüchteten Mitschülern in Bensheim das Abitur ablegte und später selbst Lehrer wurde, ganz besonders. Er bedauerte es sehr, infolge seiner schweren Krankheit nicht selbst an den Storkower Aufführungen teilnehmen zu können, ließ es sich aber nicht nehmen, ein Grußwort an die Gäste zu richten und dem Regisseur Lars Kraume zu danken.

 

Dietrich Garstka empfand es als große Ehre, dass Lars Kraume sich für sein Buch entschieden hat. Er betonte: „Dass ausgerechnet dieser angesehene Regisseur und Drehbuchautor sich für die Geschichte interessiert hat, zeigt mir, dass der Stoff von allgemeiner Bedeutung ist. Er steht damit in einem Kontext mit anderen von ihm filmisch umgesetzten historischen oder politischen Stoffen, z.B. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ oder „Terror“. Das bedeutet mir viel. Man darf aber nicht vergessen, dass hinter der erfolgreichen Suche nach einem sehr guten Drehbuchautor und Regisseur zunächst einmal eine engagierte und kompetente Produzentin steckt, Miriam Düssel.“

 

Dietrich Garstka war nach dem Anschauen des Films überaus bewegt. Er schrieb: „Ich bin froh und dankbar, dass es Lars Kraume gelungen ist, bei aller Leichtigkeit von Jugend auch die Politisierung ihres Verhaltens einzufangen und eine Entwicklung nachzuzeichnen, die zeigt, wie die Klasse unter dem entstehenden Druck des Staatsapparates zusammenwächst. Das haben die Funktionäre damals nicht verstanden. Aber genau diese Entwicklung ist sehr gut dargestellt. Junge Menschen, die Widerstand gegen einen Staatsapparat leisteten, ohne diesen Widerstand je geplant zu haben. Die in den Widerstand sozusagen hineinrutschten, dann aber an ihm und an sich selbst wuchsen. Jugendliche, die ein Zeichen setzten, weil sie sich mit der Kraft, die Jugendlichen eigen ist, und auch heute noch eigen ist, empörten gegen das, was sie als Unfreiheit erlebten. … Die Erinnerung wurde wach und die Gefühle waren genau die gleichen, wie vor sechzig Jahren. Ablehnung bis zur Verachtung für die Ideologisierung von Menschen. Verachtung dafür, dass es selbst bei Schülern letztlich nur noch darum gehen sollte, ob sie für oder gegen das Regime waren. Bist du für den Frieden oder gegen den Frieden, hieß immer auch, bist du für die DDR oder gegen sie. Das war eine elende Verengung von Welt. … Und beim Betrachten der Szenen meldete sich auch wieder die Angst, die man spürt, wenn man denkt, jetzt wird vielleicht jemand verraten vor einem Minister, der ja die Macht hat, eine ganze Klasse zu zerschlagen. Diese Bedrohlichkeit hatte ich auf einmal wieder stark im Gefühl, denn der Film erzählt die Geschehnisse mit einer starken Sprache, mit starken Bildern. Ohne Verdrehung, sehr klar in der Linie, sehr sachlich auch in der Entschlossenheit eines Regimes, denjenigen zu stellen, den es als Rädelsführer gestellt sehen wollte. Ja, so sind sie, dachte ich, ja, so waren sie, die Diktatoren, die sich auch gegen Jugendliche richten und sie ernst nehmen als Gefährder ihrer Macht, deren Protest sie durch nichts entschuldigen, weil sie fixiert waren, weil sie keine Veränderung duldeten. Die ganze Atmosphäre stimmt. Die Lebensfreude einerseits. Die Stimmung des Misstrauens andererseits.“

 

Trotz alledem blieb der ehemalige Storkower Oberschüler sein Leben lang seiner märkischen Heimat eng verbunden. Dietrich Garstka hat zwar in seinem Buch das Trauma seiner Jugend aufgearbeitet, aber seine Geschichte reicht weit über das Persönliche hinaus. Er, der mit ganzem Herzen Lehrer war, verfolgte beharrlich das Ziel, junge Menschen auf ihren eigenen Weg zu bringen, Grundlagen für ihr Wissen und Handeln zu schaffen, sie zum Denken und Fragen anzuregen, ihre Stärken, Mut und Zivilcourage zu aktivieren. Weil er das selbst vorlebte, war er glaubwürdig.

 

Dietrich Garstka besaß nicht nur eine riesige, systematisch geordnete Bibliothek, sondern ein nahezu enzyklopädisches Wissen. So vielseitig wie sein Wissen - ob über Politik, Literatur oder Kunst, war auch sein Tun. Er war kritisch und diskutierfreudig, aber nie verletzend, sondern aufbauend und ermutigend. Wirklich ein Bilderbuch-Pädagoge. Streitbare Gespräche wussten gleichermaßen Schüler, Freunde und Wegbegleiter zu schätzen, ebenso die Hörer seiner beliebten Literaturkurse an der Volkshochschule Essen oder die FDA-Autoren, denen er mit höchstem pädagogischem Geschick sachlich-fachliche Hinweise zu ihren Texten gab.

 

Er war voller Kreativität, schrieb, las und malte wundervolle Bilder. Mehrere Ausstellungen – beispielsweise 2012 unter dem Thema "Märkische Impressionen" mit eindrucksvollen Aquarellen auf der Burg Storkow, später auch in der Schulscheune Diensdorf am Scharmützelsee – brachten ihm Anerkennung. Seine Begabung und Begeisterung für die Malerei regten ihn an, sich theoretisch und praktisch zu vervollkommnen, mit anderen künstlerischen Techniken zu experimentieren. Der Erfolg gab ihm Recht. Wundervolle ausdrucksstarke Bilder in großer Zahl entstanden. Farbige Impressionen, Bäume, märkische Landschaften – und immer wieder Wege. Wege als Symbol des Lebens.

 

Der Freie Deutsche Autorenverband berief ihn in den Autorenrat des Präsidiums. Aktiv war er nicht nur in seinem Landesverband NRW, sondern – in seiner Liebe zur Mark und zur Literatur –unterstützte er als Ehrenmitglied auch den FDA-Landesverband Brandenburg auf vielfältige Weise.

 

Dietrich Garstka war ein lebensfroher Mensch, der in sich ruhte, bodenständig und fest verwurzelt in seiner früheren märkischen Heimat, in der er alljährlich viele aktive Urlaubswochen verlebte. Seiner schweren Krankheit begegnete er mit großem Mut, eisernem Willen und preußischer Disziplin. Nun ist es anders gekommen.

 

Hannelore Schmidt-Hoffmann 


Vorsitzende des FDA-Landesverbands Brandenburg

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