Laudatio Herrmann Zschoche

 

 

von Hannelore Schmidt-Hoffmann

Es ist uns eine große Freude und Ehre zugleich, den vielfach preisgekrönten DEFA-Filmregisseur und erfolgreichen Autor Herrmann Zschoche zum Kreis unser Mitglieder zu zählen. In diesem Jahr wurde er mit der Berlinale-Kamera für sein Lebenswerk geehrt – und somit offiziell in die Reihe namhafter Filmgrößen der Welt aufgenommen. Außerdem steht im November sein 85. Geburtstag bevor. Aber nicht nur deshalb ist es uns ein Herzensbedürfnis, ihn heute mit der Ehrenmitgliedschaft in unserem FDA-Landesverband zu würdigen.

Zu DDR-Zeiten zog Zschoche ein Millionenpublikum in die Kinos – beginnend mit den Jüngsten, die sich begeisterten für seine zauberhaften Kinderfilme: DAS MÄRCHENSCHLOSS, IGELFREUNDSCHAFT; LÜTT MATTEN UND DIE WEISSE MUSCHEL oder PHILIPP DER KLEINE. Es gelang ihm auf besondere Weise, die kindliche Sicht auf die Welt zu erfassen und zu gestalten – und dazu die Kinder – wie auch Jugendliche - als Darsteller überaus geschickt und einfühlsam zu führen.

Zschoche zählt zu den produktivsten und erfolgreichsten Regisseuren der DEFA. Auch international erwarb er sich Achtung. Er erzählt sehr authentisch kleine alltägliche Geschichten, die jeden betreffen. Ehrlich und realistisch, dennoch immer poetisch. Ein ausgeprägtes Faible hat er für unangepasste Helden und für starke Frauenpersönlichkeiten. In seiner Rede zur Verleihung der Berlinale-Kamera betonte Dieter Kosslick: „Mit dem DEFA-Regisseur Herrmann Zschoche ehrt die "Berlinale" einen Filmemacher, der sich lange vor dem Mauerfall für Zivilcourage und Meinungsfreiheit engagierte. In KARLA (1966), seinem wohl schönsten Film, skizziert er die Geschichte einer jungen Lehrerin, die nach dem Studium ihre Ideale lebt: aufrichtig sein, keine faulen Kompromisse machen, die Schüler zu Offenheit und Ehrlichkeit erziehen.“

Zschoches Filme belegen, wie er auf seine leise Art, mit Humor, gern auch ironisch, für Aufrichtigkeit und Zivilcourage in seinen Filmen plädiert, gegen Opportunismus, gegen Anpassung, gegen ideologische Borniertheit, gegen den Untergang von Idealen und Idealisten, für Gerechtigkeit.

Herrmann Zschoche, 1934 in Dresden geboren, stellte beizeiten die Weichen für sein Leben. Von Kunst fasziniert, wollte er ursprünglich Maler werden und besuchte Abendkurse an der Dresdner Kunsthochschule. Später hielt er Bühnenbildner für passender. Er erzählt gern, wie er schon früh in Bildern dachte, immerzu kleine Filmgeschichten mit kurzen Dialogen und Bildfolgen skizzierte. So verarbeitete er auch seine schrecklichen Erinnerungen an die Bombennächte in Dresden, die er als Zehnjähriger erleben musste.

Kein Wunder, dass bald klar war, dass er am liebsten „zum Film“ will. Gemeinsam mit seinem Freund Ernst Hirsch besuchte er den Schmalfilmzirkel beim Kulturbund. Ein 1952 gedrehter Film der beiden Schüler über Schloss Pillnitz wurde sogar vom Fernsehen gekauft. Als 1954 in Potsdam-Babelsberg die Filmhochschule gegründet wurde, entschloss er sich, Regie zu studieren. Augenzwinkernd schreibt er in seiner Autobiografie: „Als Regisseur bist du überhaupt der OBERBESTIMMER, hast alles in der Hand und kannst den anderen sagen, wie du es haben willst ...“

Bis es soweit war, musste er aber noch viel lernen. Auch, dass Filmemachen in erster Linie Teamarbeit ist. Zu seinen Lehrern gehörten Berühmtheiten wie Kurt Maetzig, Martin Hellberg und Slatan Dudow. Doch „grau ist alle Theorie …“ - deshalb sammelte er nach dem Abitur erstmal praktische Erfahrungen, u.a. als Kameramann bei Dreharbeiten für die Aktuelle Kamera. Er fuhr übers Land, filmte „die Baumblüte in Werder und die Ostsee im Winter, das 1000ste Ferkel der LPG Kleindingsbums“ und ähnliches, wie in seiner amüsant erzählten Autobiografie voller einprägsamer und lebendiger Bilder nachzulesen ist.

Heitere und ernste Geschichtchen

und Histörchen aus seinem Leben und der Filmwelt in der DDR-Traumfabrik Babelsberg. Hintergründe über Dreharbeiten, Interessantes und Merkwürdiges über die oft mühselige Umsetzung der Ideen, aber auch von der Freude an der Arbeit. Anekdoten und Liebesgeschichten fehlen natürlich nicht. Ein großartiges Mosaik unserer unmittelbaren Vergangenheit, zugleich Film-, Heimat- und Zeitgeschichte. 2002 erschienen, aber leider nur schwer zu bekommen.

Nach dem Studium begann er im DEFA-Studio für Spielfilme als Regieassistent, zuerst bei KÖNIGSKINDER für Frank Beyer. 1961 gab er sein Regiedebüt mit seiner Diplomarbeit, dem Kinderfilm DAS MÄRCHENSCHLOSS.

Zschoches Filme hoben sich von manch anderen DEFA-Produktionen wohltuend ab und fanden deshalb ein begeistertes Publikum. SIEBEN SOMMERSPROSSEN, der Hölderlin-Film HÄLFTE DES LEBENS, DIE ALLEINSEGLERIN, BÜRGSCHAFT FÜR EIN JAHR, GRÜNE HOCHZEIT, UND NÄCHSTES JAHR AM BALATON; GLÜCK IM HINTERHAUS - insgesamt 20 DEFA-Spielfilme, spätere Fernsehserien nicht mitgerechnet.

Obwohl der Regisseur zu den eigentlichen Hauptakteuren der Filme gehört, ist er fürs Publikum eher eine Hintergrundsperson und oft weniger wichtig als die Schauspieler. Zu denen zählten damals beispielsweise Jutta Hoffmann, Barbara Dittus, Jenny Gröllmann, Karin Gregorek, Katrin Saß, Marita Böhme, Alfred Müller, Manfred Krug, Ulrich Mühe, Michael Gwisdek, Dieter Montag und Jaecki Schwarz. Sie spielten die zumeist selbstbewussten, erneuerungswilligen und entschlossenen jungen Leute so glaubwürdig, dass sie als Darsteller oft mit ihren Rollen identifiziert wurden. Neben dem Drehbuchtext und den Regieanweisungen konnten und durften sie bei Zschoche viel Eigenes einbringen, selbst die zahlreichen Laiendarsteller der Jugendfilme. Ein nahezu ideales Zusammenspiel, in dem sich scheinbar mühelos eins zum anderen fügte. Zuschauer, die eine gute, auch spannende Geschichte erwarteten, wurden von diesen Filmen berührt, konnten sich selbst wiederfinden. Gemeinsam mit den Drehbuchautoren, den Schauspielern, Kameraleuten und Hintergrundspersonen entstanden so Kunstwerke, die mehr bewirkten. Sätze, Bilder und Metaphern, ebenso wie Gesten oder Ungesagtes spiegelten die Welt, ließen Raum für eigene Erfahrungen, Konflikte und Hoffnungen. Das denkende ICH war gefragt, wurde geradezu herausgefordert.

In der Filmfachsprache zählt Zschoche zu den dokumentarischen Realisten, neben Lothar Warneke, Rainer Simon und Roland Gräf. Sie wollten das Leben in der DDR so realistisch wie möglich zeigen, dennoch in hoher künstlerischer Qualität. Wegen der stets Gefahr witternden Behörden-Betonköpfe war das illusorisch. Was ein guter – sprich: politisch nützlicher - Film war, bestimmten Kulturpolitiker. Offenes Diskutieren von Heuchelei, Meinungsstreit und Zivilcourage war unerwünscht. Zwar gab es für Zschoche als DEFA-Angestellten keine existentiellen Probleme, jedoch großen politischen Druck – beispielsweise nach der „Ausbuchung“ des Films KARLA, wie das Verbot umschrieben wurde.

Dennoch gelang es den Filmemachern oft, aussagestarke, das Publikum begeisternde Filme zu schaffen. Vorbei an den Zensoren („Du musst doch einsehen, dass du dem Gegner Munition lieferst in der jetzigen weltpolitischen Situation“) – und bestellten Leserbriefschreibern („So sind unsere Menschen nicht!“)

Zum Jugendfilm SIEBEN SOMMERSPROSSEN schrieb 1978 die »Wochenpost«-Kritikerin Rosemarie Rehahn begeistert: »Ich habe mich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt im Kino. Der Film hat, ich sag’s mal auf altmodisch: Gesinnung und Herzenstakt und Charme und Poesie und eine helle Heiterkeit.«
1983 wurde Zschoche für den aktuellen und brisanten Jugendfilm INSEL DER SCHWÄNE erneut heftigst attackiert. Danach widmete er sich mit seinem Hölderlin-Film HÄLFTE DES LEBENS erstmals einem historischen Stoff, großartig besetzt mit Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe. Dafür wurde ihm 2014 - gemeinsam mit der Autorin Christa Koszik - der Hölderlin-Ring verliehen.

Auch DAS MÄDCHEN AUS DEM FAHRSTUHL – nach langen Verzögerungen 1989 gedreht - ist ein grandioser Film, der mich sehr berührte. Unglücklicherweise geriet er in die Mühlen der Wendezeit und wurde kaum wahrgenommen. Die DVD ist zu haben – er sei auch dem Fernsehen empfohlen. Wie der Oberschüler Frank damals für Gerechtigkeit kämpft, aneckt, sich unbeliebt macht und zum Schluss doch einknickt - ein ewiges Thema. Eine perfekt erzählte Liebesgeschichte, behutsam, einfühlsam, humorvoll -– zugleich Zeitgeschichte.

Als ich 2003 Zschoche erstmals begegnete, war ich angetan, wie er voller Achtung von seinen ehemaligen Gefährten und Schauspielern spricht. Er lässt sie als Persönlichkeiten gelten und geht souverän mit den Erfolgen anderer um. Zschoche, der sich selbst einen „Langsamdenker“ nennt, ist jemand, der auf seine Worte achtet; kein Vielredner. Er beschränkt sich gern aufs Wesentliche. Dafür hat er den Blick geschult und die Aufmerksamkeit. So bleibt er stets ein genauer Beobachter, nichts scheint ihm zu entgehen. Und möglicherweise entstehen in seinem Kopf gerade mal wieder neue Bilder, neue Geschichten.

Nach Auflösung der DEFA erhielt er zunächst noch Aufträge bei ARD, ZDF und SAT 1. Er drehte u.a. „Drei Damen vom Grill“. Dort bekam er anfangs unverblümt zu spüren, dass er nicht bei allen willkommen war. Die einfältige Stichelei: „Ihr aus dem Osten habt uns gerade noch gefehlt“, blieb auch Zschoche nicht erspart. Doch diese bornierten Vorurteile konnte er rasch widerlegen und auch an dieser andersartigen Filmarbeit seine Freude finden.

Später arbeitete er mit Gisela Trowe, Harald Juhnke und Tobias Moretti. Es folgten noch ein „Tatort“ mit Manfred Krug, der erfolgreiche SAT 1-Film „Natalie - Endstation Babystrich“ sowie „Kurklinik Rosenau“.

Seither jedoch wurde es still um den Regisseur. Wie überall, sind auch in Film und Fernsehen fast nur noch junge Leute gefragt; auf Wissen und Erfahrungen der „Alten“ wird gern verzichtet.

Aber Ruhestand ist nichts für Zschoche, auch nicht zu resignieren, verzagt die Hände in den Schoß zu legen. So widmet er sich - neben seinen Ausflügen in die Kunstgeschichte - im Eigenauftrag auch „neuen märkischen Forschungen“, u.a. zu Bodendenkmalen, der Archäologie seiner märkischen Heimat und „Chur-Märkischen Todtentöpffen“.

Seine ursprünglichen Ambitionen zur Malerei haben ihn ja nie ganz losgelassen. Schon zu DEFA-Zeiten wandelte bisweilen gern auf „Kunst-Abwegen“, pilgerte mit dem Fotoapparat auf den Spuren Caspar David Friedrichs über die Insel Rügen. Und, weil er offenbar nichts Halbes kann, schrieb er 1998 und 2000 zwei wichtige Bücher über den großen Maler der Romantik - und gehört nun auch in einschlägigen Kreisen und diversen Museen zur wissenschaftlichen Zunft der Caspar-David-Friedrich-Forscher.

Mittlerweile widmet er sich ganz der Kunst – besonders der Romantiker um Caspar David Friedrich, Carus, Crola, Dahl und anderer Zeitgenossen. Mehr als ein Dutzend Bücher dazu hat er seither verfasst, auch Kunstwanderungen mit Theodor Fontane unter dem Titel MUSEN IN DER MARK. Immer wieder ist von Zschoche neues zu vernehmen und zu lesen. Das nächste Buch ist bereits fertig.

Wir wünschen unserem Ehrenmitglied noch viele schöne Jahre bei guter Gesundheit, anregende Ideen für seine Kunst-Spurensuche und erfolgreiche Bücher über fast vergessene Künstler der Vergangenheit.
Und vielleicht noch einmal eine Fortsetzung oder Neubearbeitung seiner Autobiographie … - Es würde sich gewiss lohnen.

 

Danke, lieber Herrmann, dass du zu uns gehörst.

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