Rezension zu "Kranichring"

 

DER KRANICHRING

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Novelle von Franziska Trauth

Illustrationen von Teresa Trauth

Trafo Literaturverlag Dr. Wolfgang Weist Berlin 2019

 

In einer mystischen Deutung des Kranichs heißt es, er sei der Vogel, der den Menschen ins Jenseits bringt, und als Storch bringe er ihn wieder ins Leben. Er begleitet den Menschen durch die Zeit. Jede Begegnung mit ihm ist von hoher Bedeutung.

 

So erlebte es auch Alma, die Protagonistin des neuen Buches von Franziska Trauth. Alma - gleichsam wohl ihr Alter Ego.

                                               

Angelangt am Anfang ihrer Sechziger Jahre, findet sie sich während einer Reise noch einmal in Budapest. Der Gellertberg, die Fischerbastei, die Donau, der nahe Zauberort Szentendre… Hier, so erinnert Alma, fand sie einst ihren Kranich. In Gestalt eines Ringschmuckes, Verehrt damals von ihrer ungarischen Sommerliebe… Laszlo… Im letzten unbeschwerten Jugendsommer…

 

Es ist die beunruhigende Ähnlichkeit mit ihm, die nun von diesem Reiseführer heute ausgeht, den Alma beobachtet, beargwöhnt. Der ihren zögernden Blicken ausweicht. Ist er der Mann von damals? Um mehr als 40 Jahre gealtert? Seine Stimme, die Gestalt, manche Gestik… Vieles stimmt. Steckte er ihr diesen Kranichring damals an den Finger? Mit ihm sollte das Lebensglück seinen Lauf nehmen. Auch die Liebe. Vor allem aber der Weg in ihren künftigen Beruf als Schauspielerin.

 

Es ist der Novelle eigen, ein nur kurzes Stück Literatur zu sein. Insofern verbietet sich hier eine ausladend fast gänzliche Wiedergabe der stimmungsvollen Erzählung. Die immer wieder vom Heute ins Gestern und zurückführt.

 

Der Kranich jedoch steht durchgängig als Metapher für das, was einmal Heute war und zur Vergangenheit wurde. Ein Zugvogel, der zweimal im Jahr in gegensätzliche Richtungen reist. Immer schenkt er uns die Phänomene der Hoffnung, des Mutes, der Freude und der Trauer. Sein Erscheinen, sein Verschwinden weckt unsere Erinnerungen an gelebtes und die Freude auf noch erwartetes Leben.

 

Dies vermag er, wie Franziska Trauth es in ihrer Novelle nachfühlsam schildert, selbst als Gravur, als schmückende Kunstfigur an einem Fingerring. Als ein von ihr, wie sich zeigte, nur unzureichend gehüteter schützender Begleiter.

 

Jedes Ding, so heißt es, hat nur jene Bedeutung, die wir ihm zumessen. Oder geht die Bedeutung doch von den Dingen selber aus? Fast will es so scheinen, bei Almas Deutungen seines Verschwindens und nun unerklärlichem Wiedereintritt in ihre Gegenwart, am Finger dieses Reiseführers.

 

Weckt er diesen ungerufenen Gedankenstrom aus Rückschau, Bilanz und Vorausblick… Jede Leserin, jeder Leser kennt dieses Seelengeschehen von sich selbst, soweit bereits zwei Drittel der für sich erhofften Spanne gelebt sind. Die Erinnerung an unvergessenen Orte ferner Jugendlieben, die nicht von Bestand sein konnten. Duft und Klang jener Stunden und Tage…

              

Die Autorin unternimmt manchen wunderbaren „Kameraschwenk“ der aus diesem fernen lichten Jugendjahr ihrer Alma, über manches Kopfsteinpflaster nachfolgender Wege, zu einigen Plätzen und Menschen führt, die hiesig beheimateten Leserinnen und Lesern nicht fremd sind. Letztlich wird ein Leben erzählt.

 

Dieses lesend zu begleiten lohnt immer. Besonders DER KRANICHRING vermag dies auf besondere Weise. Bewahrt er sein Geheimnis bis zum Schluss? Die brodelnde, düstere Donau gibt die Antwort nicht. Vielleicht steckt sie ungedeutet in den geheimnisvollen Illustrationen von Teresa Trauth. Womöglich ist SIE Alma?

 

Wieder ein typisches, gar spannendes Franziska-Trauth-Buch!

Was vom Rezensenten durchaus als herzliches Kompliment gemeint ist. 

 

 

Günther H. W. Preuße

Mai 2019  

 

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